Poetic Terrorism
BIGBANG Poetic Terrorism Glitterhouse Records / Indigo GRCD 654 VÖ: 08.09.2006 Øystein Greni war Europameister im Skateboarden und auf dem Sprung ins Profilager. Die Zelte in Norwegen waren abgebrochen, die Stadt der Engel rief. Doch kaum angekommen, ertönte eine Stimme wie aus einem brennenden Dornbusch: Lass es bleiben. Und er ließ es bleiben. Die Stimme gehörte nicht seiner Mutter, seinen Freunden oder seinem Gewissen. Es war sein Knie. Darf man einem Knie dankbar sein? Darf man sich über Verletzungen und zerstörte Träume freuen? Nö. Aber man darf Greni danken, dass er sich nicht aus der Bahn hat werfen lassen, sondern sich von nun an auf sein zweites, ähnlich herausragendes Talent konzentrierte: Gitarre spielen und Songs schreiben. Und nun, nach all den Jahren, ist er wieder in die USA umgesiedelt, um dieses mal mit seiner Band Bigbang - abermals alles auf eine Karte zu setzen. Wer davor nicht den Hut zieht, hat wohl keinen. Das vorangegangene Werk, weit blickend Radio Radio TV Sleep betitelt, war eine Doppel-CD, die in ihrer Heimat zum bestverkauften Live-Album seit Erfindung der norwegischen Charts avancierte. So sieht es aus derzeit, ihr Leben: Ein Termin jagt den anderen. Tourneen in den USA und Skandinavien, zahllose Festival- und Clubgigs, rastlos, weiter, immer weiter, Radio- und Fernseheinsätze, Aufnahmen, mal eben in `nen anderen Erdteil umsiedeln, live spielen, weiter aufnehmen. Bigbang existieren inzwischen tatsächlich schon seit zwölf Jahren. Poetic Terrorism (welch ein Albumtitel, übrigens!) ist ihr fünftes Album, das in Norwegen nach der Trennung von Warner bereits im April 2005 auf dem bandeigenen Label Grand Sport erschien und prompt die Spitze der heimischen Charts erklomm. Überhaupt: Norwegen. Schon wieder. Und dann so eine Platte. Da will man doch gleich wieder anfangen zu schwadronieren. Darüber, wie wenig das alles in das gängige Norwegen-Bild von klirrender Kälte und Nordlichtern passt. Und dann denkt man kurz an die Band- und Stilvielfalt des Landes. An Turbonegro und Röyksopp. An Motorpsycho und White Birch. Vielleicht sollte es da nicht verwundern, dass die beste quasi-70er Jahre-Westcoast-Platte unserer Zeit aus Oslo stammt? Dass soz. die Nachfolger von Crosby, Stills, Nash & Young Greni, Tresselt & Olsen heißen? Sollte es nicht. Eigentlich. Øystein Greni hat gelernt für diese Platte. Nicht primär Gitarre spielen, darin war er zuvor schon verflucht virtuos (Der norwegische Jimi Hendrix - gaesteliste.de). Nicht Singen, nicht Songs schreiben, nicht Arrangieren. Kann er alles meisterlich, seit Ewigkeiten. Doch er ist mit seiner Freundin Maria Oreta, die auch auf dem abschließenden Music In Me an den Tasten zu hören ist, in ihre argentinische Heimat gereist. Und auch wenn man Austauschschüler und Au Pair-Mädchen dafür vielleicht immer belächelt hat: die Begegnung mit völlig anderen Entwürfen, wie das Leben zu meistern ist, erweitert das Denken. Wenn man es denn zulässt. Sagt ja keiner, dass man die eigenen lieb gewonnenen Ideen dafür in Bausch und Bogen verwerfen muss. Greni zumindest kam in Kontakt mit der einheimischen Kunstszene und war beeindruckt. Die Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit, geschuldet nicht einem selbst gewählten Dogma, sondern den sozialen und finanziellen Rahmenbedingungen, faszinierten ihn. Er entschloss, dass die daraus hervorgehende poetische und narrative Direktheit auch für das neue Bigbang-Werk handlungsweisend sein sollte. Beginnend bei Titel und Artwork zieht sich dieser Gedanke über Sprache und Sound bis hin zu Instrumentierung und Ausdruck als rote Kordel durch Poetic Terrorism. Saftig retrorock hieß es auf einer norwegischen Webseite (www.adressa.no) zum Sound des Trios. Nun ja. Bedingt irreführend, denn Retrorock hat so was piefig Miefiges an sich. Daher sei betont: Das meint natürlich nicht, dass Poetic Terrorism irgendwelche vergangenen Epochen der Musikhistorie nostalgisch verklärt, denn ein neuer Song ist ein neuer Song (Øystein Greni). Und die Songs auf Poetic Terrorism sind allesamt so schlüssig wie schmissig. Lieder fürs Gestern und Morgen und zuvorderst erstmal fürs Hier und Jetzt. Was bedeutet: an keine Zeit gebunden zu sein. Musik, die zeitbefreit ist. Die jung klingt und doch seltsam vertraut. Die einen Dreck gibt auf die jüngste Trendsau, die gerade durchs Dorf getrieben wird. Der es herzlich egal sein kann, ob sie von der Rock-Taliban als kompetent gemacht oder von der Indie-Polizei als das nächste hippe Ding gefangen genommen wird. Die neue Platte bringt uns (jawohl!) melodisch hochklassigen (jawohl!) Rock mit Wumms, Verve und wirklich wunderbaren, mehrstimmigen Harmoniegesängen. Die wohlig warme Produktion stammt von Greni selbst, abgemischt hat Sylvia Massy Shivy, die bereits mit einem beinahe norwegisch vielfältig anmutenden Spektrum verschiedenster Künstler zusammengearbeitet hat, darunter Rick Rubin, Johnny Cash, Prince, Tom Petty und Tool. Poetic Terrorism ist, selbst im Vergleich zu den früheren Platten, ein sehr organisches und direktes Album geworden. Die Band ist bestens aufeinander eingespielt, was auch dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass Olaf Olsen die Spinal Tapschen Zustände am Schlagzeug beendet hat und sich jetzt den Orden als dienstältester Schlagzeuger der Bigbang-Geschichte ans Revers haften kann. Nun endlich, nachdem uns Bigbang zu den verschiedensten Gelegenheiten (darunter zwei legendäre Auftritte im Rahmen unseres Orange Blossom Special Festivals) aufs beste betörten, dürfen wir sie zur Glitterhouse- Famile rechnen. Wir haben noch viel vor miteinander. Und ihr, Rundfunktätige, macht euch schon mal warm. Ihr werdet hören diese Songs werdet ihr dem Äther nicht so schnell wieder entziehen. Dank dir, Knie! 1. Saturn Freeway / 2. Fly Like A Butterfly Sting Like A Bee / 3. Wherever You Are / 4. From A Distance / 5. From Acid To Zen And Back Again / 6. Head Over Heels / 7. Not A Rolling Stone / 8. On Your Mind / 9. The Gullwing Groove / 10. Going Home / 11. Music In Me http://www.smallbang.net/ www.glitterhouse.com
